{KINDER VERSTEHEN} „MUSS ICH DANN INS KRANKENHAUS?!“ ― KINDLICHE ÄNGSTE IN DER AUTONOMIEPHASE

 

Im Rahmen der kindlichen Entwicklung treten fünf entwicklungsbedingte Ängste auf: Bereits in den ersten Lebensmonaten kurz nach der Geburt hat das Kind Angst davor, die Bindung zu seiner Hauptbezugsperson zu verlieren (Kontakt-Verlust- bzw. Körper-Kontakt-Verlust-Angst). Später, etwa um den sechsten bis achten Lebensmonat, kann das Fremdeln (Achtmonats-Angst) beobachtet werden. Nun kann das Baby zwischen vertrauten und nicht-vertrauten Menschen (und Situationen) unterscheiden und fühlt sich in unbekannter Umgebung oder mit unbekannten Personen einfach nicht wohl.

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Ungefähr zwischen dem 12. und 18. Lebensmonat, wenn das Kind mit dem Krabbeln und Laufen beginnt, wird das Kind von Trennungsängsten begleitet. In diesem Zusammenhang kommt es meist zu einer Loslösung aus der sehr engen Beziehung mit der Mutter und das Kind lernt, dass nur durch Abgrenzung Veränderung, Neuerung, Autonomie und Eigenständigkeit möglich sind. Im zweiten und dritten Lebensjahr kommt nun auch noch eine Vernichtungsangst hinzu, auf die ich gleich weiter eingehen werde. Und ab dem vierten und fünften Lebensjahr erfährt das Kind die Todesangst, wobei Tod als Inbegriff des Abschiednehmens zu verstehen ist.

 

Groß und stark,
und manchmal doch noch ganz klein

Zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr entwickeln unsere Kinder mehr und mehr ihren eigenen Willen verbunden mit Gefühlen von Stärke, Selbstwirksamkeit, „Macht und Überlegenheit“. Die Autonomiephase beginnt. Außerdem lernen unsere Kinder ihren Körper, vor allem seine grob- und feinmotorischen Fähigkeiten immer besser kennen und „gebrauchen“. Bewegungen werden gezielter und „flüssiger“. (Übrigens merken sie meist auch in dieser Zeit, dass sie Darm und Blase kontrollieren können. Ein Vorgang, über den nur sie ganz allein entscheiden können.)

Mit dem Körperbewusstsein, welches unsere Kinder zunehmend ausbilden, sind auch „Größen- und Allmachtsphantasien“ verknüpft. Die Gefühle von Stärke, Macht und Größe stellen für sie eine wichtige, aber auch widersprüchliche Grunderfahrung dar. Sie lernen die positiven und negativen, also die konstruktiven und destruktiven Aspekte der Macht kennen. Sie können eigenhändig Dinge aufbauen, erschaffen und konstruieren oder wieder zerstören, „kaputt machen“ und in Einzelteile zerlegen. Und auch im Kontakt mit ihren Bezugspersonen erleben unsere Kinder Gegensätzliches: Während wir einerseits unsere „elterliche Macht“ nutzen können, um Schutz und Geborgenheit zu geben, können wir sie ebenso gebrauchen, um unserem Kind etwas zu verbieten oder unsere Grenzen aufzuzeigen.

Mit der Entdeckung der Kraft und des Potentials ihres eigenen Körpers wird unseren Kindern auch ihre Verletzlichkeit bewusst. Sie werden sensibler für die physischen gefahren, die ihnen drohen (können). Zwar fühlen sie sich manchmal groß und stark und unbesiegbar, doch dann eben auch klein, zerbrechlich, hilflos und ausgeliefert. Dies zeigen die aus unserer Erwachsenensicht panischen Gefühlsausbrüche, mit denen unsere Kinder auf kleinste Wunden reagieren. Für unsere Kinder scheint es, als würde ihr Körper zerfallen und zerfließen. (Vgl. Rogge 1997, S. 90-94)

 

Symbole kindlicher Vernichtungsängste

Je jünger unsere Kinder sind, desto heftiger empfinden sie diese Vernichtungsängste, da ihre Identität noch nicht voll entwickelt ist, sie sich also ihres Selbst noch nicht sicher sind. Oft binden sie ihre Vernichtungsängste an die Urelemente, wie z.B. Sturm, Gewitter/Blitz/Donner, Feuer und Wasser, an irreale/übernatürliche Wesen, wie z.B. Geister, Hexen, Monster oder Vampire, an wilde Tiere oder gefährliche Gestalten, wie z.B. Räuber oder Einbrecher. Sie geben so ihrer Angst ein Gesicht.

Auch hier zeigen sich wieder zwei gegenläufige Tendenzen: Einerseits sind unsere Kinder von diesen Symbolen fasziniert und inszenieren z.B. die Kraft von Wasser und Feuer im Spiel, oder verkleiden sich als schrecklicher Ganove. Andererseits erschrecken und gruseln sie sich vor ihnen. Vor allem am Abend und in der Nacht, also beim Zu-Bett-Gehen und Schlafen verlässt unsere kleinen Helden der Mut. Sicher nicht zuletzt ein Grund, warum sie nach wie vor gern mit uns in einem Bett schlummern. (Vgl. Rogge 1997, S. 94-95)

 

Wie wir der Angst unserer Kinder begegnen können

Um ihre Ängste zu bewältigen, brauchen unsere Kinder stärkendes Mitgefühl und Selbstvertrauen. Deswegen müssen und dürfen sie an der Überwindung ihrer Ängste aktiv mitarbeiten, um sie verarbeiten zu können. Wir Eltern fungieren also als Leuchtturm oder Fels in der Brandung: Wir geben Orientierung, Sicherheit und Halt.

1. Es ist wichtig, die Gefühle und Schilderungen unserer Kinder immer ernst zu nehmen. Auch wenn uns eine Situation noch so harmlos erscheint und wir denken, dass unser Kind gerade absolut übertrieben reagiert, bringt ein Bagatellisieren auf kognitiver Ebene á la „Ist doch nicht so schlimm.“, „Hab’ dich nicht so.“ oder „Du brauchst keine Angst zu haben.“ einfach nichts. (Das gilt übrigens auch für rationale Erklärungen, die dem Kind höchst wissenschaftlich darlegen, warum es sich nicht fürchten muss.) Im Gegenteil: So fühlt sich unser Kind erst recht unverstanden und hilflos. Für unser Kind ist es gerade schlimm; es hat gerade Angst und das ist okay.

2. Vielleicht können wir kurz innehalten und wahrnehmen, was gerade in unserem Kind vorgeht, die Angst zulassen. Gerade in diesem Alter ist es unwahrscheinlich wertvoll, das Geschehen noch einmal neutral, ohne Urteil zu spiegeln: „Ja, das war dir gerade irgendwie zu laut. Du hast dich richtig erschrocken und bist zusammen gezuckt.“ So erhalten Kinder Worte für ihre Gefühle und können irgendwann selbst ausdrücken, was sie gerade bewegt und beschäftigt.

3. Lähmendes Mitleid und aufgeregte Hysterie, die die Angst nur noch mehr aufbauschen, helfen unseren Kindern nicht.Bei sehr kleinen Kindern ist es oft sinnvoll, die furchterregende Situation einfach in Ruhe und mit Gelassenheit zu verlassen und dabei selbst Sicherheit auszustrahlen. Mag das Kind die zuckenden Blitze nicht, dann ist es völlig okay, die Vorhänge zuzuziehen. ― „Ein überbehütender Erziehungsstil, der Angst (...) überdramatisiert, löst Gefühle aus, den Ängsten ohnmächtig ausgeliefert zu sein. So entsteht nicht selten Angst vor der Angst (...). Kinder, die überbehütet erzogen werden, stehen Ängsten meist erstarrt (...) gegenüber, sind unfähig ihnen selbstbewusst gegenüber zu treten. Ängste bleiben dann diffus-unbestimmt, es fällt diesen Kindern schwer, ihnen eine Gestalt und ein Symbol zu geben. Sie können ihrer Angst nicht ins Gesicht sehen. Die Angst wird dann zur grässlichen Fratze.“ (Rogge 1997, S. 135)

Bei älteren Kindern können wir die kreativen und schöpferischen Fähigkeiten ansprechen und unsere Kinder emutigen, sich aktiv an der Angstbewältigung zu beteiligen. Wir dürfen ihnen zutrauen, für sich eine Lösung zu finden und sie z.B. fragen, was sie brauchen und was ihnen gut tun könnte. Meist hilft auch ein bisschen Magie: Ein Zauberpflaster für das aufgeschürfte Knie, ein „großer Pustewind“ für die Stirn, nachdem sich unser Kind den Kopf gestoßen hat, ein gemeinsam mit dem Kind hergestellter Traumfänger gegen diesen einen blöden Traum, der Glücksstein für die Hosentasche, Glitzerpulver … All das kann Wunder wirken und der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. (Sowieso nicht.) Wir können zusammen mit unseren Kinder quasi ein „Gegen-Symbol“ gegen die Angst entwickeln.

„Kinder wollen in ihren Ängsten ernst genommen werden. Sie wünschen sich, dass Eltern die Unholde und Gespenster auch ernst nehmen, die sie selbst erschaffen und dadurch ihrer Angst Gestalt verleihen. Nur dann können sie die Fähigkeit entwickeln, kreativ mit ihnen umzugehen. Denn wenn die Kinder selbst Schöpfer sind, können sie die ,selbstgemachten' Geschöpfe, die Figuren und die wilden Gefährten auch wieder zum Verschwinden bringen. Und dabei können Eltern helfen, indem sie sich auf dieses kindliche Phantasiepotential einlassen und es nutzen.“ (Bartram/Rogge 2015, S. 84)

 

Literatur

Bartram, Angelika/Rogge, Jan-Uwe (2015): Lasst die Kinder träumen. Warum Phantasie wichtiger ist als Wissen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Rogge, Jan-Uwe (1997): Kinder haben Ängste. Von starken Gefühlen und schwachen Momenten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

 

 

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