{KINDER VERSTEHEN} DAS KINDLICHE GEHIRN ― EINE GROSSBAUSTELLE

 

Das kindliche Gehirn lässt sich grob, genau wie unser erwachsenes Gehirn auch, in zwei große Bereiche aufteilen. (Natürlich unterscheiden Neurologen noch viele Teile mehr, aber für die nachfolgenden Erklärungen reicht die vereinfachte Unterscheidung völlig aus.)

 

Das emotionale Gehirn

Das limbische System, der stammesgeschichtlich älteste Teil unseres Gehirns, ist verantwortlich für spontane Reaktionen (Flucht oder Kampf), aber auch für starke Emotionen, wie Angst, Wut/Ärger, Liebe sowie für Lust und unseren Spieltrieb.

Der Hirnstamm, quasi der Nachbar des limbischen Systems, ist der entwicklungsgeschichtlich älteste und tiefliegendste Teil unseres Gehirns. Hier werden grundlegende, lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Herzschlag, Nahrungsaufnahme und Darmtätigkeit, aber auch Reflexe, wie z.B. das Husten nach Verschlucken, gesteuert. (Bei den Reptilien macht dieser Bereich sogar fast das gesamte Gehirn aus, weshalb der Hirnstamm auch als „Reptiliengehirn“ bezeichnet wird.)

 

Das kognitive Gehirn

Der Neokortex, der jüngere Teil unseres Gehirn, umschließt das limbische System wie eine Schutzhülle. Er arbeitet äußerst rational und genau und ist zuständig für analytisches, logisches  Denken. Hier wägen wir Vor- und Nachteile ab, treffen komplexe moralische und ethische Entscheidungen, planen unsere Zukunft und strukturieren Prozesse, schätzen Situationen ein, konzentrieren uns auf einen Sachverhalt, nehmen unsere Gefühle wahr und kontrollieren unsere Impulse.

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Emotion vor Kognition

Wenn wir auf die Welt kommen, ist unser Gehirn natürlich bereits vollständig angelegt, allerdings noch längst nicht ausgereift. Diese Reifung geschieht durch die Stabilisierung und den Ausbau neuronaler Vernetzungen. Dieser Prozess braucht vor allem zwei Dinge: Erfahrungen und Zeit.

Die emotionalen Hirnbereiche reifen schneller und deutlich früher als die kognitiven Bereiche. Vor allem in den ersten drei Lebensjahren dominiert bei Kindern das emotionale Gehirn daher stark. ― Die Kinder leben voll und ganz im HIER und JETZT. Logik, langfristige Planung und Verantwortlichkeiten existieren nicht. Stattdessen entscheiden sie intuitiv, unbewusst und spontan. Jedoch werden alle Gefühle zusammen mit bestimmten Situationen gespeichert und gelangen in unser Unterbewusstsein. Erlebt ein Kind z.B. immer wieder bedrohliche Situationen während eines Gewitters, legt es das Gefühl der Angst gemeinsam mit dem Bild von Blitz und Donner im limbischen System ab. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es sich ein Leben lang bei Gewitter unwohl fühlen.

Außerdem haben die emotionalen Bereiche eine eher einfache Struktur. Daher reagieren die Zellen direkt auf Reize aus der Umwelt; die Informationsverarbeitung verläuft unglaublich schnell und es kommt zu instinktiven Handlungen. ― Das emotionale Gehirn schaltet dann unser kognitives einfach ab. Droht Gefahr, unterbrechen wir ganz „automatisch“ unsere Handlungen. Wir verlieren den Faden und sind nicht ansprechbar.

Babys und Kleinkinder sind also erst einmal mit ihrer emotionalen Entwicklung beschäftigt und sehr stark mit ihren Gefühlen verhaftet. Wie eine Flut brechen (Körper-)Empfindungen über sie herein. Und da der präfrontale Kortex, der uns hilft, Impulse zu zügeln, noch nicht vollständig entwickelt ist, sind sie nicht in der Lage, ihre Gefühle zu „beherrschen“. ― Diese Erkenntnis ist tatsächlich bahnbrechend, denn sie erklärt, warum all die Versuche, unsere Kinder auf der kognitiven Vernunftebene zu erreichen, scheitern müssen. Das kindliche Gehirn KANN diese Anforderungen, vor allem in Augenblicken mit großen Emotionen, (noch) nicht erfüllen und diese Informationen entsprechend verarbeiten. Wir können daher die Erwartung aufgeben, dass Kinder Einsicht und Verständnis für unsere Position aufbringen können. Dies ist hirnorganisch noch nicht möglich.

(Übrigens: Falls du noch mehr zu diesem Thema lesen willst, empfehle ich dir UNBEDINGT das Buch „Das gewünschtes Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Der entspannte Weg durch die Trotzphase“ von Danielle Graf und Katja Seide.)

 

Wenn die Wut-Flut kommt ...

Der Klassiker: Beim Einkaufen biegt unser Kind nochmal schnell in die Spielzeug-Abteilung ab und verliebt sich in den kleinen Traktor. „Mama, kann ich das mitnehmen?!“, fragt es hoffnungsvoll mit großen Augen. Wir antworten ruhig: „Nein, ich möchte das nicht kaufen.“ Und schon wird die Stimme des Kindes lauter, energischer, fordernder: „Ich WILL das aber!!!“ ― Wir könnten unsere Aussage nochmal wiederholen und unserem Kind erklären, dass wir ihm erst letzte Woche eine Auto geschenkt hast, dass es schon so viele Fahrzeuge zu Hause hat, dass wir für das Geld auch arbeiten müssen und dann weniger Zeit haben, dass wir heute auch einen langen Tag hatten und nur noch heim wollen und wir jetzt sowieso wirklich nicht in Stimmung für Diskussionen sind. Das Szenario würde sich hochschaukeln und am Ende wären wahrscheinlich alle unzufrieden und verärgert.

In einer solchen Situation ist das Kind vollständig von seinen Gefühlen ergriffen. Es ist nicht empfänglich für logische Erklärungen, weil das emotionale Gehirn die Führung übernommen und den kognitiven Teil einfach „außer Betrieb“ gesetzt hat. Im Gegenteil: Meist verschlimmern wir die Lage noch zusätzlich, wenn wir versuchen, unser Kind mit vernünftigen Argumenten zu überzeugen. Denn dann fühlt es sich meist unverstanden und nicht ernst genommen und es entsteht der Eindruck, dass uns seine Meinung, seine Emotionen egal sind. ― Stattdessen können wir das emotionale Gehirn aber mit nonverbaler Kommunikation erreichen. Eine einladende Körperhaltung, ein zugewandter Gesichtsausdruck und vielleicht ein paar wenige, fürsorgliche Worte. Mehr braucht es manchmal nicht. 

Später, wenn sich die Lage ein wenig entspannt hat, können wir die Situation noch einmal spiegeln: „Ach, Mensch, ich weiß, dass ist jetzt so richtig blöd für dich. Gerade bist du hierhin gegangen und hast dir diesen Traktor ausgesucht. Du möchtest ihn gern mit nach Hause nehmen und nun komme ich und sage einfach ,Nein!!!' Klar, dass dich das so richtig wütend macht und du gleich schlechte Laune kriegst.“ Je nach Entwicklungsstand können wir auch noch einmal die Gründe für unsere Entscheidung darlegen oder unser Kind auch einladen, mit uns gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, die alle Bedürfnisse berücksichtigt.

Nein. Das heißt nicht, dass sich unser Kind IMMER sofort beruhigen wird. Es ist auch gar nicht in erster Linie das Ziel, das Kind so schnell wie möglich zu besänftigen. Vielmehr geht es darum, dass wir unsere Kinder dabei unterstützen, seine Gefühle zu regulieren. Und dass sich unser Kind bedingungslos angenommen und verstanden fühlt, dass es sich in seiner Überforderung und der Flut der Emotionen sicher und gut aufgehoben weiß; dass es okay ist, unterschiedliche Ansichten zu haben; dass es spürt, dass seine Meinung berücksichtig wird und seine Grenzen gewahrt werden.

 

 

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