{MAMA-LEBEN} „DAS BRAUCHE ICH.“ ― ÜBER DEN UNTERSCHIED VON WOLLEN UND BENÖTIGEN

 

Bedürfnisorientierte Elternschaft, dieses Begriffspaar ist vielen Eltern heute geläufig. Es ist schön, zu sehen, dass sich immer mehr Eltern dafür entscheiden, ihren Alltag an den Bedürfnissen ALLER Familienmitglieder auszurichten. Allerdings fällt mir auch auf, dass die Bezeichnung „Bedürfnis“ im Übermaß für all das genutzt wird, was ein Kind will, mag oder möchte. Aber was sind eigentlich Bedürfnisse und was braucht ein Kind wirklich?!

 

„Mit einer Kindheit voller Liebe
kann man ein halbes Leben hindurch
die kalte Welt aushalten.“

— Jean Paul

 

(Grund-)Bedürfnisse sind jene Bedürfnisse, die bei allen Menschen vorhanden sind und deren Befriedigung dazu beiträgt, dass wir uns körperlich und seelisch gesund entwickeln können. Unser Gehirn ist nämlich so angelegt, dass die Erfüllung von Bedürfnissen mit der Ausschüttung von Dopamin und Oxytocyn einhergeht. Es werden also glücklich machende Hormone frei gesetzt; wir fühlen uns wohl. Werden unsere Bedürfnisse jedoch (langfristig) nicht beachtet oder gar nicht erst erkannt, gerät die Ausschüttung ins Stocken und wir werden unglücklich. ― Bedürfnisbefriedigung ist also etwas, das wir benötigen: Ohne sie geraten wir in eine tiefe Not.

Zu den körperlichen Grundbedürfnissen zählen Luft zum Atmen, Nahrung/Flüssigkeit, Schlaf, (Schutz vor) Wärme/Kälte, Hygiene, Berührung, Schmerzfreiheit. (Bei Babys kommt außerdem noch das Saugbedürfnis hinzu.) — In der Literatur werden die seelischen Grundbedürfnisse sehr unterschiedlich definiert. Oft werden Liebe, Nähe und Annahme, Authentizität und Integrität, Wertschätzung, Respekt und Anerkennung, Geborgenheit und Sicherheit, Autonomie und Selbstwirksamkeit, Gemeinschaft sowie Struktur und Begrenzung genannt.

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Ich persönlich mag die Auflistung im Rahmen der so genannten Konsistenz-Theorie nach Klaus Grawe sehr gern, weil sie so übersichtlich und darüber hinaus durch die Befunde der allgemeinen Psychologie gut untermauert ist. Er beschreibt Bindung, Orientierung/Kontrolle, Lustgewinn/Unlustvermeidung sowie Selbstwertschutz/-erhöhung als die vier psychischen Grundbedürfnisse, zu denen sich die oben genannten zuordnen lassen. (Wenn du mehr darüber erfahren willst, empfehle ich dir unbedingt das Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stephanie Stahl.) Auch wenn die Bedürfnisse grundsätzlich gleichrangig nebeneinander. stehen, kann das Bedürfnis nach Bindung als den anderen Bedürfnissen übergeordnet betrachtet werden, weil verletzende Bindungserfahrungen immer auch Verletzungen des Kontroll-, Lust- und Selbstwertbedürfnisses bedeuten.

 

„Um das Herz und den Verstand eines anderen Menschen zu verstehen,
schaue nicht danach, was er erreicht hat,
sondern wonach er sehnt.“

— Khalil Gibran

 

Unsere Bedürfnisse haben nicht direkt Einfluss auf unser Verhalten. Um ein Bedürfnis konkret zu befriedigen, nutzen wir bestimmte Strategien. Wer z.B. friert, hat ein Bedürfnis nach Wärme. Sich einen dickeren Pullover anzuziehen oder die Heizung aufzudrehen, sind zwei mögliche Strategien, um diesen „Mangel“ zu beseitigen. — Diese Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Strategie geht auf den Kommunikationspsychologen Marshall Rosenberg, den „Erfinder“ der Gewaltfreien Kommunikation zurück und findet sich aber übrigens auch in der oben erwähnten Theorie von Klaus Grawe.

Warum ist diese Unterscheidung wichtig und hilfreich?! Weil es mit ihr gelingt, die eigentlichen Bedürfnisse hinter einem Verhalten, einem Verlangen zu entschlüsseln. Bei Kindern und übrigens auch bei Erwachsenen. — Du kennst das vielleicht: Du hattest einen blöden Tag auf der Arbeit. Eine Kollegin hat dich angepflaumt und dein Chef hat dein Engagement bei einem sehr wichtigen Projekt einfach übersehen. Nach diesem Ärger möchtest du dir gern etwas Gutes tun. Du machst nochmal einen Abstecher in die Stadt und kaufst dir ein paar Schuhe.

Was du vielleicht auch kennst, ist dieses „leere“ Gefühl: In dem Moment geht es dir kurz besser, aber am nächsten Morgen, wenn du wieder im Büro stehst, ist alles wieder genauso doof. — Häufig sind wir uns nämlich unseren Bedürfnissen gar nicht bewusst und so helfen uns auch unsere Strategien nicht, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Eine gute Freundin von mir beschreibt es immer so: Auch wenn wir auf einen großen Kackhaufen ein schönes Häkeldeckchen drauf legen, bleibt es immer noch ein großer Kackhaufen.

 

„Du kannst vor dem davonlaufen,
was hinter dir her ist,
aber was in dir ist, das holt dich ein.“

— Afrikanische Weisheit

 

Aber kommen wir zurück zum Leben mit Kindern: Dein Baby hat z.B. ein besonders großes Bedürfnis nach Bindung, so dass es am liebsten rund um die Uhr an deinem Körper sein möchte. Sobald du es ablegst, weint es. (Das sind seine Strategien, um seine Bedürfnis zu erfüllen.) Du hast aber das dringende Bedürfnis nach Kontrolle und willst gern deinen Haushalt machen, weil du es magst, wenn die Dinge an ihrem Platz sind. — Klar, die dreckige Wäsche kann auch mal warten. (Sie rennt ja nicht weg. Leider.) Solange es euch als Familie gut geht, dürfen sich die Geschirrberge stapeln und die Wollmäuse dürfen spielen. Gleichzeitig will ich aber auch nochmal erwähnen: Hinter jeder Strategie steckt ein Bedürfnis. Und Strategien sind — im Gegensatz zu Bedürfnissen — verhandelbar und können verändert werden.

Wenn wir Strategien mit Bedürfnissen verwechseln, stehen wir immer wieder vor einem scheinbar unlösbaren Konflikt: Dein Baby will Körperkontakt, du willst beide Hände frei haben. Wie soll da eine Brücke geschlagen werden?! — Entdecken wir aber das Bedürfnis hinter der Strategie, können wir kreativ werden und neue Wege finden, die verschiedenen Bedürfnisse miteinander zu vereinbaren. Vielleicht könntest du dein Kind auf dem Rücken tragen und dabei den Geschirrspüler einräumen?! Vielleicht engagierst du eine Haushaltshilfe?! Vielleicht kannst du dir eine gute Freundin einladen, die dich unterstützt oder solange dein Baby kuschelt?!

Dabei geht es niemals darum, Bedürfnisse (und die damit zusammenhängenden Strategien) abzuwerten oder nach RICHTIG und FALSCH zu kategorisieren. Jedes Bedürfnis hat es verdient, ihm mit Wertschätzung und Annahme zu begegnen. Trotzdem haben wir Eltern auch die Verantwortung, für uns zu sorgen und auch im Blick zu behalten, was uns gut tut. Wenn wir merken, dass die Strategien unserer Kinder dauerhaft mit unseren kollidieren, dürfen wir gemeinsam nach alternativen Herangehensweisen suchen mit dem Ziel, dass am Ende des Tages jeder ausgefüllt ist mit dem, was er wirklich braucht.

 

 

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