{PERSÖNLICHE GEDANKEN} „Ich will dein Gesicht nicht sehen.“ ― Wie ich meinen bedürfnisorientierten Weg fand

 

Ich war nicht immer der Mensch, der ich heute bin. Ich hatte nicht immer die Ansichten, die ich heute habe. Manchmal, wenn ich so zurück denke, frage ich mich, wie sich mein Mann überhaupt in mich verlieben konnte. Oder vielleicht besser: Wie er mich jetzt noch lieben kann? Denn ich habe mich so sehr verändert, dass ich mich hin und wieder selbst nicht mehr erkenne.

Nach meinem Studium der Erziehungswissenschaft startete ich als Erzieherin in das Berufsleben. Ich hatte mich für diesen Job nicht wirklich entschieden; eine Kollegin meiner Mutter erzählte, dass im Kindergarten einer Bekannten eine Stelle frei wäre und ich solle mich doch mal bewerben, ich war ja schließlich ohne Arbeit. Also gab ich meine Unterlagen ab, stellte mich vor und wurde eingestellt. Mit Kindern konnte ich schon immer ganz gut, dachte ich mir. Das wird schon klappen. 

 

„Das haben wir immer schon so gemacht.“

In der Einrichtung herrschte „alte Schule“. Drei der Erzieherinnen arbeiteten bereits vor der Wende in genau dem Haus und zogen damals Kinder zu „allseitig und harmonisch entwickelten sozialistischen Persönlichkeiten“ heran. Und so galt vieles, was früher galt, noch immer. Nein, ich will nicht sagen, dass zu DDR-Zeiten alles schlecht war, aber es war auch nicht alles gut.

Es gibt mittlerweile gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Hirnforschung, die z.B. erklären, warum Kinder nicht gern Spinat essen. Und die auch zeigen, dass es langfristig keinen Sinn macht, Kinder zum Aufessen zu zwingen. Aber genau das tat das so genannte pädagogische Fachpersonal in dieser Kindertagesstätte. Und ich tat es auch. — Ich ließ Kinder von der Möhrensuppe kosten, auch wenn sie nicht wollten; ich gab Kindern eine Auszeit, schloss sie von der Gruppe aus und setzte sie mit einer Sanduhr in den Flur, um sich erstmal „runter zu fahren“; ich schimpfte, ich drohte, ich wurde laut; ich sagte gemeine, abwertende Sachen; ich bestrafte Kinder mit „logischen Konsequenzen“. Und ich fand es richtig so, weil es alle so machten. Kinder waren das Feindbild. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans schließlich nimmer mehr.

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Heute schäme ich mich zutiefst dafür. — Ich sehe immer noch den kleinen Jungen vor mir, den ich weinend in die Ecke stellte. „Ich will dein Gesicht nicht sehen.“, sagte ich zu ihm, weil er mir zu frech geworden war. Weil ich in Wahrheit keine Alternative kannte, weil ich dachte, ich müsste mich durchsetzen, ihm zeigen, wer das Sagen hat, müsste ein Exempel an ihm statuieren. Es tut mir so unendlich leid, was ich dieser kleinen Kinderseele angetan habe und ich hoffe, hoffe, hoffe, dass ich ihm keinen Schaden zugefügt habe.

Irgendwann stolperte ich dann über das Buch „Das glücklichste Kleinkind der Welt. Wie Sie Ihr Kind liebevoll durch die Trotzphase begleiten“ von Dr. Harvey Karp. Das Buch ist eigentlich nicht wirklich zu empfehlen, aber immerhin wurde ich damit auf das aktive Zuhören und Spiegeln aufmerksam. Ich benutzte dies zwar noch wie ein „Werkzeug“, ohne die Haltung dahinter zu verstehen. Trotzdem half es mir, in emotional aufgeladenen Situationen deeskalierend und ein wenig entspannter aufzutreten.

 

Wenn alte Türen sich schließen
und neue sich öffnen

Der erste Umbruch kam, als mein befristeter Arbeitsvertrag nicht verlängert wurde und ich in einem anderen Kindergarten eine Anstellung fand. — Schon an meinem ersten Arbeitstag war ich ziemlich begeistert von meiner neuen Kollegin. Sie war anders: Sie besaß so viel Leichtigkeit und hatte eine so wertschätzende Art mit den Kindern in unserer Gruppe umzugehen, dass sie mich einfach mitriss. Ich wollte auch so sein, wollte auch, dass die Kinder mich als Freundin sahen und nicht als „Erzieherin“, die den halben Tag nur nölte.

Ich wollte eine Kindergärtnerin sein und ich wollte verstehen. Gerald Hüter, Herbert Renz-Polster, Armin Krenz, Katharina Saalfrank, ich las alles, was mir zum Thema „Pädagogik vom Kinde aus“ in die Hände fiel. Ich schaute mit Vorträge im Internet an, besuchte Weiterbildungen, tauschte mich aus. Trotzdem war ich rückblickend betrachtet immer noch sehr weit weg davon, wo mich selbst sah, wo ich hin wollte. Ich nahm mir damals heraus, andere Menschen zu analysieren, es besser zu wissen als sie; ich wollte sie belehren, wollte ihnen erklären, wie sie es „richtig“ zu machen haben. — Dort, wo ich Kindern Freiraum ließ, um zu wachsen und sich zu entfalten, dort verurteilte ich meine Kolleginnen und wertete ihr Arbeit ab. 

Mit meiner Schwangerschaft, dem Geburtserlebnis und meiner Elternzeit trat eine neue Perspektive in mein Leben. Es ging nicht mehr nur um die Kinder der anderen. Es ging um MEIN Kind und um mich. Wie will ich meinen Räuber erziehen? Will ich ihn überhaupt erziehen oder ihn vielmehr begleiten, ihm begegnen auf Augenhöhe? Welche Werte sind mir wichtig, wie möchte ich sein als Mutter?

Für meinen Sohn da zu sein, das fiel mir nie schwer. Für mich selbst da zu sein, das war (und ist) meine größte Baustelle. Zwischen Stillen, Windelnwechseln und Wäschewaschen verlor ich mich aus den Augen. Ich vergaß, wer ich war, was ich brauchte, was mir gut tat. Ich wollte mich (wieder-)finden, aber ich wusste nicht, wo ich suchen sollte. ― Mit meinem Räuber hatte ich den Dreh irgendwie raus und unsere Beziehung fühlte sich gut an, tragfähig und vertrauensvoll. Aber manchmal hatte ich den Eindruck, ich würde mich selbst betrügen. Ich sagte zu meinem Sohn: „Du schaffst das. Du musst nur an dich glauben.“ Aber wenn ich an meine Träume dachte, flüsterte ich mir selbst zu: „Du wirst nie etwas erreichen.“

 

„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin,
daß er tun kann, was er will,
sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will.”

— Jean-Jacques Rousseau

Bedürfnisorientiert zu leben, bedeutete damals für mich, den Bedürfnissen meines Sohnes zu folgen. Für eine gewisse Zeit war dieses Denken sicher auch absolut richtig und wichtig, aber dann irgendwann gab es einen Punkt, an dem ich mich aufgab, verschwand in meiner Mutter-Rolle und Ausreden fand, warum ich meinen Zielen nicht näher kommen konnte. ― Dann sortierte ich mich neu und erkannte, dass die Bedürfnisse ALLER Familienmitglieder zählen, dass sich alle wohl fühlen sollen. Aber dass vor allem ich nur dann eine gute Mutter sein kann, wenn ich ausgeglichen und mit mir im Reinen bin. Und ich erkannte, dass ich nicht nur mein Kind, sondern auch mich verstehen muss, um erfüllt und bereichert sein zu können.

Ich möchte meinem Sohn ein Vorbild sein: Es liegt mir am Herzen, dass er „Nein!“ sagen kann, wenn er etwas nicht tun will, wenn es ihm zu viel wird. Er soll sich nicht aufopfern und verbiegen, sich übernehmen und ausbeuten, nur um es anderen recht zu machen und ihnen zu gefallen.

Ende 2016 hatte ich mir auf einem Weihnachtsmarkt von einer Wahrsagerin aus der Hand lesen lassen. Sie sagte mir damals, ich würde in den nächsten Jahren auf eine Reise gehen und viele neue Menschen kennenlernen. Ich dachte, sie meinte, einen längeren Urlaub, eine Auszeit. ― Heute weiß ich, ich bin auf die Reise gegangen. Auf die Reise zu mir selbst. (Übrigens auch in diesem Fall wieder ermuntert durch ein Buch, nämlich den Bestseller „Das Kind in dir muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme“ von Stephanie Stahl.) Und ich bin immer noch unterwegs. 

 

 

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